Zum Inhalt springen

Uruguayisch-Deutsche Gesellschaft für Außenpolitik

Home » Alle unsere Publikationen » Von München nach New York: der »Diskurs des Bruches« von J. D. Vance und Donald Trump

Von München nach New York: der »Diskurs des Bruches« von J. D. Vance und Donald Trump

Bei der letzten Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 überraschte US-Vizepräsident J. D. Vance das europäische Publikum mit einer Rede, die die Nachkriegsordnung, wie sie die Welt kennt, völlig erschütterte. Denn der Ton  gegenüber den Verbündeten war deutlich konfrontativer als gegenüber den strategischen Gegnern und die gemeinsamen Werte Europas und den Vereinigten Staaten wurden in Frage gestellt. Nur wenige Monate später tat Donald Trump es ihm bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2025 gleich, mit einem Frontalangriff auf den Multilateralismus und die UNO selbst. Trotz einiger Unterschiede können wir beide Reden als Ausdruck ein und derselben politischen Logik verstehen: die Zerstörung des internationalen Konsenses von innen, aus seinen eigenen Institutionen heraus. Bei BILAT verfolgen wir in Gesprächen mit unseren Verbündeten und Counterparts aufmerksam, dass die Rede von J.D. Vance in München kein Einzelfall war, sondern Teil einer langfristigen Strategie, die die Welt bestmöglich verstehen sollte.

Bruch und neue Formen der Diplomatie

Die Reden von Vance und Trump sind Ausdruck eines neuen politischen Genres: der »Diskurs des Bruches innerhalb der Allianz«, der nicht darauf abzielt, einen Konsens zu erzielen, sondern die Legitimität multilateraler Institutionen zu untergraben und Gewalt auf ein inländisches Publikum auszuüben. Trump und Vance wissen, dass Bruch ein guter Weg ist, Außenpolitik zu machen, aber immer durch die Projektion eines Diskurses, der Auswirkungen auf die eigenen Reihen, auf ihre Kernwählerschaft innerhalb der MAGA-Bewegung hat.

Die Botschaft beider Reden ist niederschmetternd: Die liberale Ordnung wird nicht mehr von den USA gestärkt, sondern von innen heraus in Frage gestellt. In gewisser Weise hat Trump das Werk von J.D. Vance vervollständigt: Während dessen Rede auf die europäischen Demokratien abzielte, hatte Trumps Rede eine globalere Wirkung und richtete sich gegen die UN und den Globalismus im Allgemeinen.

Donald Trump frente a la Asamblea General de la ONU 2025. Fuente: dpa
Donald Trump vor der UN-Vollversammlung 2025. Quelle: dpa

Der konzeptionelle Rahmen von Benedikt Franke, Geschäftsführer und stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz, hilft dabei, diese Momente als Ausdruck der »Wake up Diplomacy« und der »Pressure Point Diplomacy« zu verstehen. Erstere handelt von Reden, die darauf abzielen, Unbehagen zu wecken, die Selbstgefälligkeit zu durchbrechen und Eliten aufzuwecken, die in Trägheit verfallen sind. Zweitere nutzt internationale Foren als Punkte maximaler Sichtbarkeit, dazu imstande, die Aufmerksamkeit von Medien und Politik zu bündeln, damit der Redner sie als Druckmittel gegen Verbündete oder ganze Institutionen einsetzen kann. Weder Vance noch Trump haben sich darauf beschränkt, außenpolitische Ideen darzulegen. Sie haben München und New York in Arenen verwandelt, um zu provozieren, zu erschüttern und eine Antwort zu erzwingen. Der Skandal war kein Zufall, sondern Strategie.

Element Vance (München) Trump (UN)
Forum
Transatlantische Sicherheitskonferenz
Generalversammlung der Vereinten Nationen
Hauptzielgruppe
Europäische Demokratien
UNO + Globalismus insgesamt
Unmittelbare Reaktion
Ablehnung durch europäische Führung
Globale Kritik und institutioneller Widerstand

Ziel: den amerikanischen Handlungsspielraum hüten

Der Vergleich zeigt zwei unterschiedliche, aber verwandte Stile. Vance nutzt die Tradition der Sicherheitskonferenz als transatlantisches Forum, um Europa selbst ins Visier zu nehmen und so die Verwundbarkeit seiner demokratischen und verteidigungspolitischen Architektur zu zeigen. Trump hingegen nutzt die universelle Bühne, die Generalversammlung, um den Multilateralismus als solchen seiner Legitimität zu berauben, indem er an sein heimisches Publikum appelliert und seine Muskeln vor einem globalen Publikum spielen lässt. Beide setzen Souveränität als zentrales Narrativ ein, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: der eine, um Europa zu zwingen, eigene Verantwortung zu übernehmen, der andere, um jede Institution zu diskreditieren, die den Handlungsspielraum der USA einschränkt.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig. Sowohl in München als auch in New York ist ein und dasselbe Phänomen zu beobachten. Die Vereinigten Staaten nutzen die große internationale Bühne nicht mehr, um die liberale Ordnung zu stärken, sondern um sie in Frage zu stellen. Vance und Trump praktizieren zwei Seiten derselben Taktik: die Diplomatie des Erwachens und die Diplomatie des Druckpunkts. Ihre Reden bauen nicht auf, sie erodieren; sie integrieren nicht, sie beunruhigen. Auf dem Spiel steht dabei die Umwandlung der internationalen Plattform in eine politische Waffe, sowohl nach außen als auch nach innen.

Literatur

J.D. Vance (2025): Remarks by the Vice President at the Munich Security Conference Online by Gerhard Peters and John T. Woolley, The American Presidency Project https://www.presidency.ucsb.edu/node/376339

Tobias Bunde and Sophie Eisentraut (2025) “Westlessness Reloaded? Key Takeaways From the Munich Security Conference 2025,” Munich: Munich Security Conference, Munich Security Debrief 1, February 2025, https://doi.org/10.47342/LFJW7131.

Brimmer Esther (2025) “Trump’s UN Speech Puts the Benefits of Global Cooperation at Risk”

Veröffentlichung der Zeitschrift #4

Veröffentlichung der Zeitschrift #4

Strategische Analyse, internationale Sicherheit und Außenpolitik in einer Welt im Bruch. Exklusive Interviews und harte…

Europa altert: Chancen für eine faire Fachkräftepartnerschaft mit Lateinamerika

Europa altert: Chancen für eine faire Fachkräftepartnerschaft mit Lateinamerika

Europa altert und verliert Fachkräfte. Lateinamerika verfügt über junge, qualifizierte Arbeitskräfte ohne ausreichende Perspektiven. Der…

Debrief 1/2025. Hybride Kriegsführung: strategische Herausforderungen für Uruguay und Europa

Debrief 1/2025. Hybride Kriegsführung: strategische Herausforderungen für Uruguay und Europa

Im Rahmen einer strategischen Konferenzreihe zum Thema Cybersicherheit, Hybride Kriegsführung und Desinformation hat BILAT am…