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Uruguayisch-Deutsche Gesellschaft für Außenpolitik

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Diplomatie unter Extrembedingungen: Gespräch mit Thomas Schäfer, ehem. deutscher Botschafter in Nordkorea

BILAT führte ein ausführliches Gespräch mit Dr. Thomas Schäfer, ehemaliger deutscher Botschafter in Nordkorea. Schäfer war von 2007 bis 2010 und erneut von 2013 bis 2018 Leiter der deutschen Botschaft in Pjöngjang. Nur wenige Diplomaten haben unter so extremen Bedingungen gearbeitet wie Botschafter Schäfer, der Deutschland über einen langen Zeitraum in dem ostasiatischen Land vertrat. Für Südamerika ist es ein seltenes Privileg, aus erster Hand Einblicke in die diplomatische Realität eines der verschlossensten Staaten der Welt zu erhalten.

Mit analytischer Präzision und bemerkenswerter Offenheit berichtet er über seine Erfahrungen in einem Land, das wie kaum ein anderes von Abschottung, Kontrolle und Angst geprägt ist. Und darüber, was Diplomatie in einem solchen Umfeld bedeutet.

Eine untypische Vertretung: Gespräche mit dem Regime, echte Auseinandersetzungen und Berichte nach Berlin

Thomas Schäfer bezeichnet die deutsche Botschaft in Pjöngjang als »eine untypische Vertretung in einem völlig untypischen Land«. Nur wenige Staaten seien dort überhaupt präsent, der Kreis der Ausländer sei minimal, Tourismus praktisch nicht existent. »Seit Beginn der Pandemie«, so erklärt er, »ist die Kenntnis über das Land noch geringer geworden als zuvor. Fast alle Botschaften und Organisationen der Vereinten Nationen haben das Land verlassen.«

Schäfer beschreibt den Kern seiner Arbeit als einen geduldigen Dialog unter extremen Bedingungen. »Wir führten regelmäßig Gespräche im Außenministerium, mit Vertretern der Partei, dem sogenannten Parlament oder anderen Institutionen.«, erinnert er sich. Dabei erhalte man selbstverständlich zunächst nur die offiziellen Positionen – »die man meist schon aus der Zeitung kennt« –, doch im Verlauf solcher Gespräche entstünden Momente echter Auseinandersetzung. »Man kann auf Widersprüche aufmerksam machen, Fragen stellen und manchmal richtige Diskussionen führen. Da erkennt man, dass es in der Führung durchaus unterschiedliche Meinungen geben kann – zu konkreten Themen, aber auch zu grundsätzlichen Fragen.« Genau darin, so Schäfer, liege der Wert solcher Begegnungen: im Erkennen von Nuancen, dort, wo sonst nur Gleichklang vermutet wird. »Und dann geht man zurück in die Botschaft und schreibt seinen Bericht. Es ging immer darum, die Lage in Nordkorea besser zu verstehen, die Ziele und Absichten des Regimes zu analysieren; und gleichzeitig die eigene Sichtweise darzustellen.« Für Schäfer wurde deutlich: Diplomatie in einem Land wie Nordkorea zeichnet sich in erster Linie durch Beobachtung und Interpretation aus. Man lese und analysiere jede offizielle oder inoffizielle Äußerung des Regimes, »so mühsam sie auch zu lesen ist, weil sie fast ausschließlich aus Propaganda besteht«.

Er hat unzählige Stunden damit verbracht, zu lesen, zu vergleichen, Muster zu erkennen – und dann, wann immer möglich, mit nordkoreanischen Gesprächspartnern über das Gelesene zu sprechen, darunter auch Vertreter des Außenministeriums und des Zentralkomitees der Partei. »So lernt man, zwischen den Zeilen zu lesen und die wirklichen Ängste und Ambitionen des Regimes zu begreifen.« Die persönliche Ebene sei dabei entscheidend: »Wer lange genug im Land bleibt, wird bekannt. Die Menschen lernen einen kennen, und man kann mit der Zeit ein gewisses Vertrauen aufbauen.« Dieses Vertrauen habe Grenzen – private Besuche seien ausgeschlossen, spontane Begegnungen selten –, aber es erlaube dennoch, »hinter die Fassade zu blicken und die Widersprüche des Systems zu erkennen«.

Schäfer betonte, dass die Funktionäre, mit denen er sprach, in einer doppelten Rolle lebten, denn »sie sind Vertreter des Regimes und gleichzeitig seine Opfer. Sie wurden hineingeboren, sie sind Teil des Systems, aber sie leiden auch darunter.« In dieser Einsicht liegt für Schäfer der Schlüssel zu jeder Form von Dialog: Verständnis, ohne Illusionen.

Karte Nordkorea. Quelle: Central Intelligence Agency / Wikipedia

Wahrnehmung der Außenwelt

Auf die Frage, wie viel die Menschen im Land über die Außenwelt wissen, reagiert Schäfer differenziert. »Das hängt ganz davon ab, mit wem man spricht. Die Beamten im Außenministerium wissen erstaunlich gut Bescheid, sie haben einen eingeschränkten Zugang zu internationalen Medien und verfolgen die Weltpolitik.« Besonders in den Jahren, als Donald Trump erstmals Kandidat und dann Präsident der USA wurde, habe man in Gesprächen gespürt, dass nordkoreanische Diplomaten sehr genau verfolgten, was in Washington geschah – und sich ihre eigene Meinung bildeten. Für die breite Bevölkerung aber gelte das Gegenteil. »Die meisten wissen so gut wie nichts über die Welt. Sie lernen in der Schule, dass Amerika der Urfeind ist – und viele glauben das.« 

Doch auch in einem abgeschotteten System lässt sich die Wirklichkeit nicht vollständig kontrollieren. Schäfer beschreibt, wie in den Grenzregionen zu China der Blick auf das Nachbarland und rasant wachsende Millionenstädte deutlich macht, dass außerhalb der Grenzen ein anderes Leben möglich ist und somit Propaganda und Realität offensichtlich auseinanderklaffen.

Macht durch Entbehrung

Schäfer erinnert sich, dass sich ausländische Diplomaten in Pjöngjang im Prinzip frei bewegen durften – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, allerdings nur innerhalb bestimmter Bereiche. »Das ging in der Stadt Pjöngjang und über eine Straße in die Nachbarstadt Nampo, etwa 40 Kilometer entfernt. Dorthin konnte man ohne besondere Erlaubnis fahren«, erzählt er. Doch selbst in der Hauptstadt gab es Zonen, die für Ausländer wie für normale Koreaner gesperrt waren – etwa das Gelände der Partei oder die Wohnsitze der herrschenden Familie. »Wenn man in Hinterhöfe ging, wurde man sehr schnell vertrieben.«

Außerhalb der Stadt durften Diplomaten nur mit Genehmigung und in Begleitung reisen – was dennoch häufig geschah. »Wir sind viel mit dem Auto gefahren«, sagt Schäfer, »manchmal sogar bis zur chinesischen Grenzstadt Dandong, um dort einzukaufen.«

Der ehemalige Botschafter erwähnt das ausgeprägte Klassensystem, das nach dem Koreakrieg die Bevölkerung in »Unterstützer der Revolution, eine große neutrale Klasse und die Feinde der Revolution« einteilte. »Die Befürworter durften in Pjöngjang leben, die Gegner wurden in weit entlegene Dörfer geschickt, die anderen in andere Städte. Diese Einteilung bestimmt bis heute über Berufs- und Lebenschancen, darüber, wer studieren, wer reisen darf und wer nicht.«

Auf seinen Reisen durch das Land erkannte Schäfer, wie groß der Unterschied zwischen der Hauptstadt und der Provinz ist.

» Pjöngjang sieht aus der Ferne aus wie ein Juwel.  Aber wenn man näher kommt, erkennt man, dass es weiterhin eine Bauruine mit Fassade ist. «

Der Strom funktioniert oft nur wenige Stunden am Tag, und auf dem Land herrscht Dunkelheit. »Das Leben in den Hochhäusern gilt als unpraktisch, weil die Aufzüge oft nicht funktionieren. Die bei den Nordkoreanern beliebtesten Stockwerke sind angeblich das dritte oder vierte: hoch genug, um sich vor möglichen Einbrüchen sicher zu fühlen, aber noch zu Fuß erreichbar.«

Diese Alltagsbeobachtungen und Reisen über Land führen zu einem größeren Verständnis des Systems: »Nordkorea ist ein Land, in dem soziale Kontrolle nicht nur durch Angst, sondern durch alltägliche Entbehrung funktioniert.«

Nordkoreanische Landschaft. Quelle: WZ Still WZ / Pixabay

Nach außen Bewegung, im Inneren Erstarren

Politisch habe sich das Land während seiner beiden Amtszeiten verändert, jedoch nicht geöffnet. Als Schäfer 2007 erstmals sein Amt aufnahm, gab es eine gewisse Hoffnung auf Annäherung. »Damals liefen noch die Sechs-Parteien-Gespräche, und es schien, als ob Nordkorea sich, ähnlich wie China in den 1980er Jahren, langsam öffnen könnte.« Doch diese Hoffnung zerschlug sich schnell. Nach dem Schlaganfall Kim Jong-ils im Jahr 2008 sei das Land wieder in alte Muster zurückgefallen: Militarisierung, Isolation, Misstrauen.

Seit der Machtübernahme von Kim Jong-un sieht Schäfer eine klare Richtung: »Das Land befindet sich seit etwa 2016 auf einem stark kontrollierten, planwirtschaftlichen und militaristischen Kurs.«

In der Zeit des Übergangs von Kim Jong-il zu Kim Jong-un zeigten sich einige Veränderungen im Stadtbild; es entstanden mehr Restaurants, Taxis tauchten auf. Vieles wurde schließlich jedoch wieder rückgängig gemacht. Von außen betrachtet hielt sich ein gewisses Bild der Moderne, im Inneren blieb das Land jedoch sowohl politisch als auch wirtschaftlich unbeweglich. »Nach außen hin blieb es dieselbe Stadt, aber die inneren Strukturen wurden wieder sehr undurchlässig; und die Kontrolle wurde verschärft, der innere Druck nahm zu.«

Überwachung und Kontrolle

Überwachung und Kontrolle prägen den Alltag. Im Vergleich zu dem ehemaligen DDR-Regime, könne man es sich vorstellen wie »Stasi hoch drei«, sagt Schäfer. Jeder überwacht jeden, und das System überwacht alle. Er beschreibt, wie selbst privilegierten Bürgern die Genehmigung zum Verlassen der Stadt verwehrt wird: »Eine meiner Koreanischlehrerinnen, die aus einer privilegierten Familie stammte, hatte Pjöngjang jahrzehntelang nicht verlassen.«

Die Berufswahl ist staatlich vorgegeben, und wer der falschen Klasse angehört, muss die Vorstellung aufgeben, studieren zu können.

» Das nordkoreanische Regime ist wahrscheinlich das umfassendste Überwachungssystem der modernen Geschichte. «

Nach dem Machtwechsel wurden ab 2012 zudem Ideologien und Grenzkontrollen verschärft. Im Bereich der beruflich besser Qualifizierten konnte man noch einen kurzzeitigen Anstieg von Flüchtlingen beobachten, die der Flüchtlinge insgesamt ging von nun an jedoch stetig zurück. 

Auch die von der Partei dekretierten Massenkampagnen, die die Bürger zu unbezahlter Arbeit verpflichten, um laut Regierung die verschiedenen Mehrjahrespläne als Teil der nordkoreanischen Planwirtschaft einzuhalten, dienen weniger wirtschaftlichen als vielmehr politischen Zwecken: »Die Menschen werden physisch müde gemacht, damit sie keine dummen Gedanken bekommen; und gleichzeitig werden sie diszipliniert.«

Großmonument Mansudae, Pjöngjang. Quelle: Alexander / Pixabay

Weit größer als die Angst der Staatsführung vor einem Einmarsch ist die Furcht vor fremdem Gedankengut, der »sogenannten geistigen Verschmutzung« und davor, dass die Bevölkerung in der Lebensweise außerhalb der Grenzen des eigenen Landes ein Leitbild sehen könnte.

Diese Angst sei das »überwältigende, das entscheidende Motiv der Nordkoreanischen Führung«, aus dem heraus sich die permanente Bevölkerungskontrolle und auch das Bedürfnis nach Abkopplung Südkoreas von den USA ableiten lässt und die die Überlebensstrategie für das Regime bedeuten.

» Das Regime will nicht geliebt werden von der Bevölkerung; es will, dass gehorcht wird. «

Den Widerstand gegen Öffnung und gegen Reformen, wie sie in China oder Vietnam zu beobachten waren, erklärt Schäfer mit der Teilung des Landes und der Geschichte, wie sie Deutschland erfahren hat: »Die Führung weiß, dass Proteste unzufriedener Bürger gegen das Regime sehr schnell zu Demonstrationen pro Wiedervereinigung werden könnten. Das macht jede Öffnung zu einer existenziellen Bedrohung.«

Ein Appell an das Auswärtige Amt: die Botschaft soll wieder eröffnen

Schäfer unterstreicht, dass es für ein realistisches Verständnis des Landes keine Alternative zur Präsenz vor Ort gibt. »Man muss wissen, was im Land wirklich vor sich geht. Dazu ist eine dauerhafte Präsenz das Allerbeste – und am besten sind regelmäßige, wirklich regelmäßige Gespräche in Pjöngjang.«

Er spricht sich klar dafür aus, die deutsche Botschaft wieder zu eröffnen, um den Gesprächskanal aktiv zu halten: »Selbst wenn das zunächst auf der Arbeitsebene geschieht, entscheidend ist Kontinuität. Jemand aus Peking oder Shenyang im Nordosten Chinas könnte regelmäßig nach Pjöngjang entsandt werden, um den Austausch wieder aufzunehmen, bestenfalls immer mit denselben Gesprächspartnern, die nordkoreanische Presse genau zu lesen und dann in einen echten Dialog darüber zu treten. Und das sollte dann alle zwei oder drei Wochen wiederholt werden, um eine Basis für erneute Beziehungen zu schaffen.«

Schäfer weist darauf hin, dass gerade die Länder, die als Gegenspieler Nordkoreas gelten – USA, Japan und Südkorea – keine Vertretung in Pjöngjang haben. »Das ist ein entscheidender Nachteil. Sie wissen schlicht nicht, was wirklich geschieht – nicht aus eigener Anschauung.« Während seiner Amtszeit sei er regelmäßig nach Seoul, Tokio und Washington gereist, um dort über die Lage im Land zu berichten. »Das Interesse dort war jedes Mal enorm, weil diese unmittelbare Perspektive sonst niemand hat.«

Beziehungen zu Russland und China: Taktik statt Partnerschaft

Zum Verhältnis Nordkoreas zu Russland und China äußert sich Schäfer mit klarer Skepsis der Idee enger Partnerschaften gegenüber. »Nordkorea will keine ausländischen Investitionen, die Tausende Ausländer ins Land bringen. Es will Kontrolle, keine Öffnung.« Die aktuelle Kooperation mit Russland im Kontext des Ukraine-Kriegs deutet er als taktisch, nicht als strategisch. »Das Regime nutzt solche Beziehungen pragmatisch, um kurzfristig Vorteile zu erzielen – aber es fürchtet dabei, dass mit Ausländern auch fremde Ideen ins Land kommen.«

Bilat im Gespräch mit Thomas Schäfer. Nahuel Gonzalez Frugoni und Stefanie Kammeyer
Stefanie Kammeyer und Nahuel Gonzalez Frugoni im Gespräch mit Thomas Schäfer.
Das Interview führten Stefanie Kammeyer und Nahuel González Frugoni: »Wir möchten Botschafter a.D. Dr. Thomas Schäfer unseren besonderen Dank aussprechen. Seine Erfahrungen zeigen, warum fundierte Diplomatie, geduldige Beobachtung und institutionelle Präsenz auch in den schwierigsten politischen Umfeldern unersetzlich sind. BILAT wird diese Einsichten in die weiterführende Arbeit zur Stärkung des außenpolitischen Dialogs zwischen Deutschland und Südamerika einfließen lassen.«

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